[Portrait] Im Dickicht der Worte: Das Schreibuniversum der Dorothee Elmiger

[Portrait] Im Dickicht der Worte: Das Schreibuniversum der Dorothee Elmiger

Dorothee Elmiger versteht Literatur als gesellschaftliche Praxis. Ihre Bücher sind Teil einer politischen Öffentlichkeit – durch genaues Hinsehen, geduldiges Recherchieren, poetisches Insistieren.

(Bild: Redaktion/PiPaPu)


Kurzinfo: Literarische Grenzgängerin mit Haltung

  • Geboren 1985 in Wetzikon, Schweiz
  • Studierte am Literaturinstitut Biel sowie in Berlin und New York
  • Debüt: Einladung an die Waghalsigen (2010), aspekte-Preis
  • Politisch-literarische Themen: Migration, Kolonialgeschichte, Kapitalismus
  • Bekannte Werke: Schlafgänger (2014), Aus der Zuckerfabrik (2020), Die Holländerinnen (2025)
  • Thematisiert Sprache als Macht- und Erkenntnisinstrument

Wer Dorothee Elmiger liest, begibt sich nicht auf einen geradlinigen Weg – sondern auf eine Expedition. Ihre Texte sind dichterisch, politisch, poetisch und zugleich von einer Klarheit durchzogen, die nicht auf Erklärung, sondern auf Erschütterung zielt. Elmiger gehört zu den eigenständigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher gleichen Suchbewegungen: nach Sprache, nach Gerechtigkeit, nach Stimmen, die sonst nicht gehört werden.

Geboren 1985 im schweizerischen Wetzikon, aufgewachsen in Appenzell, studierte Elmiger am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel sowie Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Berlin und New York. Bereits ihr Debüt Einladung an die Waghalsigen (2010) machte sie schlagartig bekannt. Der Text wurde mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet – der Beginn einer beeindruckenden literarischen Laufbahn.

Ein Werk gegen das Verstummen

Elmigers Schreiben ist durchzogen von einer klaren Haltung: gegen Ausbeutung, gegen das Vergessen, gegen die Reduktion komplexer Wirklichkeit auf einfache Erzählungen. Ihre Figuren sind Suchende, Fragende, oft marginalisiert – sie bewegen sich durch Landschaften, Archive, politische Ordnungen. In Schlafgänger (2014) lässt sie Stimmen aufeinandertreffen, die von Migration, Unsichtbarkeit und Entwurzelung erzählen. Dabei verweigert sie einfache Antworten – sie stellt infrage, seziert, öffnet Räume.

Sprachkunst trifft Gesellschaftskritik

Elmigers Texte leben von formaler Präzision und politischer Wucht. Sie beherrscht die Kunst, lyrische Dichte mit gesellschaftlicher Analyse zu verbinden. „Wer spricht? Und in wessen Namen?“ – diese Fragen durchziehen ihr gesamtes Werk. In Aus der Zuckerfabrik (2020), einer vielstimmigen Collage aus Erinnerungen, Recherchen und Fiktion, untersucht sie die Verflechtungen von Kapitalismus, Begehren und kolonialer Geschichte. Es ist kein Roman im klassischen Sinn, sondern ein fragmentarisches, vibrierendes Sprachkunstwerk.

Eine Stimme der Gegenwart – und der Zukunft

Elmiger versteht Literatur als gesellschaftliche Praxis. Ihre Bücher sind Teil einer politischen Öffentlichkeit – nicht im Sinne von Parolen, sondern durch ihr genaues Hinsehen, ihr geduldiges Recherchieren, ihr poetisches Insistieren. Auch Die Holländerinnen (2025), ihr jüngster Roman, entfaltet sich zwischen Theater und Tropen, zwischen dokumentarischer Fiktion und sprachlicher Reflexion. Wieder steht eine Frau im Mittelpunkt, die sich auf Spurensuche begibt – nicht nur nach verschwundenen Personen, sondern nach Möglichkeiten des Sprechens selbst.

International gelesen, lokal verankert

Trotz ihrer internationalen Präsenz – Elmiger war Stipendiatin in den USA, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt – bleibt sie fest in der deutschsprachigen Literaturlandschaft verankert. Sie schreibt für eine Öffentlichkeit, die bereit ist, sich irritieren zu lassen. Ihre Auszeichnungen, darunter der Schweizer Literaturpreis, der Clemens-Brentano-Preis und der Deutsche Buchpreis 2025, sind Ausdruck ihrer Relevanz – doch Elmiger bleibt eine, die lieber Fragen stellt als sich feiern lässt.

Über den Autor / die Autorin

Pascale de Haut-Gamme
Pascale de Haut-Gamme
pascale de Haut-Gamme betreut das Personen-Ressort von Gutenborg.de – mit ihrem sicheren Gespür für biografische Storylines und charakteristische Scenes of Anecdotal life entwirft sie anschauliche Portraits jeder vorzustellenden Persönlichkeit.

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