Wenn Code Geschichten schreibt – der „National Novel Generation Month“ geht in die 13. Runde

Wenn Code Geschichten schreibt – der „National Novel Generation Month“ geht in die 13. Runde

Kurzinfo: National Novel Generation Month 2025
• Zeitraum: 1. November bis 1. Dezember 2025
• Ziel: 50.000 Wörter Code-generierte Literatur
• Teilnahme über GitHub (Projekt anmelden, Text & Code teilen)
• Keine Lizenzpflicht, kreative Freiheit
• Motto: Schreiben durch Programmieren
• Gegründet 2013 von Darius Kazemi (USA)
• Bekannt für skurrile, poetische, experimentelle Werke


Wer im November um die Wette schreiben will, tut das meist beim National Novel Writing Month – 50.000 Wörter in 30 Tagen. Doch während dort Menschen in die Tasten hauen, übernimmt beim National Novel Generation Month der Code. Weltweit beteiligen sich Hunderte, um Programme zu schreiben, die ihrerseits Romane erzeugen – künstlich, spielerisch, manchmal sinnlos, oft überraschend tiefgründig.

Von der Idee zur digitalen Schreibwerkstatt

Der NaNoGenMo wurde 2013 vom amerikanischen Künstler und Entwickler Darius Kazemi ins Leben gerufen. Sein Gedanke: Literatur mit den Werkzeugen der Informatik erforschen. Seitdem ist die Challenge eine feste Größe in der Netzkultur geworden. „Die Grenze zwischen Schriftsteller und Entwickler verschwimmt hier völlig“, sagt die Londoner Medienkünstlerin und frühere Teilnehmerin Katie Rose Pipkin.

Die Regeln sind simpel: Das Ergebnis muss mindestens 50.000 Wörter umfassen, und der Code, der es erzeugt, muss veröffentlicht werden. Ob der „Roman“ ein dadaistisches Sprachspiel, ein Zufallsgenerator oder eine algorithmische Übersetzung ist – das bleibt der Fantasie der Teilnehmenden überlassen.

Von „Infinite Fight Scene“ bis „ProustMachine“

In den vergangenen Jahren entstanden aus dieser kreativen Anarchie faszinierende Experimente. 2022 sorgte “Infinite Fight Scene” von Atticus Wolfram für Aufsehen – ein Skript, das endlos Kampfszenen in epischer Übertreibung ausspuckte. 2023 gewann “ProustMachine” von Allison Parrish, eine neuronale Rekonstruktion von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, erzeugt aus Erinnerungsfragmenten in Form von Code.

„Es geht nicht um Literatur im klassischen Sinn, sondern um die Struktur von Sprache selbst“, erklärt Parrish. „Wir programmieren Bedeutung – oder ihr Fehlen.“

Teilnahme mit wenigen Klicks

Die Teilnahmebedingungen bleiben bewusst offen. Jeder kann mitmachen, solange ein Projekt auf der offiziellen GitHub-Seite angelegt und der generierte Text geteilt wird. Zwischen 1. November, 0:01 Uhr GMT, und 1. Dezember endet die Frist. Man darf den Fortschritt dokumentieren, kommentieren, kollaborieren – Hauptsache, der Code ist offen.

Die Projekte reichen von minimalistischen Ein-Wort-Romanen bis zu komplexen neuronalen Textgeneratoren. Auch Chatbots, Datenpoesie oder textbasierte Spiele sind willkommen.

Kunst, Künstlichkeit und Kontrollverlust

Was nach Nerd-Spiel klingt, hat sich längst als Labor für digitale Ästhetik etabliert. Die Grenzen zwischen Autorschaft, Zufall und künstlicher Intelligenz werden hier spielerisch ausgelotet. „NaNoGenMo ist eine Einladung, Kontrolle abzugeben und Sprache neu zu denken“, so der Berliner Medienforscher Florian Cramer.

In einer Zeit, in der generative KI längst Romane mitschreibt, bleibt der NaNoGenMo ein kreativer Gegenentwurf: Er feiert den Code als literarisches Material – nicht als Ersatz, sondern als Erweiterung menschlicher Vorstellungskraft.

Über den Autor / die Autorin

Utopia Storm
Utopia Storm
Utopia Storm betreut das Feuilleton-Ressort von Gutenborg.de – mit ihrem geschulten Blick und ihrem Sinn für das Kreative ist sie den Erscheinungsformen von High- wie Low-Brow-Kultur auf der Spur.

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