Was kann Sprache, und wo scheitert sie? In „Die Holländerinnen“ kämpft auch die Erzählstimme mit der Ohnmacht der Worte – und lädt die Lesenden zugleich dazu ein, mitzuringen.
(Bild: Coverdetail/Hanser Verlag)
Kurzinfo: Expedition ins Sprachdickicht
- Dorothee Elmiger, geb. 1985, gilt als wichtige Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
- Die Erzählerin folgt einer Theatergruppe in einen tropischen Urwald
- Elmiger verwebt Fiktion, Dokument und Reflexion
- Der Roman thematisiert koloniale Gewalt, Genderfragen und Sprachlosigkeit
- Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2025 und dem Bayerischen Buchpreis
Mitten in der Nacht, am Rand einer namenlosen Straße, blinkt ein Warnlicht. Es markiert nicht nur einen Moment der Zäsur, sondern auch den Einstieg in einen Text, der Abgründe auslotet. Ein Anruf erreicht die Erzählerin – eine Schriftstellerin, die fortan zum Teil eines seltsamen Projekts wird. In Dorothee Elmigers Roman Die Holländerinnen verschwimmen Realität und Inszenierung, Dokument und Fiktion. Es ist ein Text, der sich dem Verstehen widersetzt – und gerade dadurch fesselt.
Aufbruch ins Dunkel
Ein gefeierter Theatermacher lockt die Erzählerin in ein Experiment: Gemeinsam mit einer Truppe soll sie in einem tropischen Urwald ein Stück entwickeln – die Rekonstruktion des rätselhaften Verschwindens zweier niederländischer Forscherinnen. Die Reise führt nicht nur geographisch ins Dickicht, sondern auch tief hinein in gesellschaftliche und psychologische Abgründe. Elmiger verschränkt koloniale Spuren mit aktuellen Fragen nach Wahrnehmung, Erzählbarkeit und Gewalt.
Zwischen Bühne und Realität
Was als Theaterprojekt beginnt, entfaltet sich bald als existenzielle Erkundung. Die Gruppe probt, improvisiert, gerät an Grenzen – sprachlich, physisch, moralisch. Was gespielt wird und was wirklich geschieht, lässt sich kaum noch trennen. Die Erzählerin selbst wird zur Beobachterin, zur Figur, zur Projektionsfläche. Elmiger macht aus dieser Verunsicherung ein ästhetisches Prinzip. In einer indirekten Rede, die immer wieder zu zitieren scheint, ohne Stimme zu verleihen, entsteht eine Art Sogwirkung auf die Lesenden.
Stimmen im Dschungel
Die verschwundenen „Holländerinnen“ bleiben Schatten. Statt einer Auflösung liefert Elmiger ein Echo – aus Erzählsplittern, inneren Monologen und Reflexionen. Die Namenlosen gewinnen keine Gesichter, aber sie werfen Fragen auf: nach kolonialer Gewalt, nach der Grenze zwischen Forschung und Übergriff, nach dem Recht, zu erzählen. Der Urwald wird zur Kulisse und zugleich zum Spiegel einer unbeherrschbaren Welt.
Poetik des Scheiterns
Dorothee Elmiger, die für eine ästhetisch und gesellschaftlich radikale Literatur steht, erkundet mit diesem Roman auch das Scheitern von Sprache. Das Erzählen selbst wird zur Fragestellung. Die Schriftstellerin im Text kämpft mit der Ohnmacht der Worte – und lädt die Lesenden dazu ein, mitzuringen. Ausgezeichnet mit dem Deutschen und dem Bayerischen Buchpreis, nominiert für den Schweizer Buchpreis, zeigt Elmiger, wie Literatur zugleich politisch und poetisch sein kann.
![]() | Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen. Hanser Verlag ersch. 19.08.2025 160 Seiten, 23 Euro |
Über den Autor / die Autorin

- Die Robo-Journalistin Hülya Bilgisayar betreut das Buchtipp-Ressort von Gutenborg.de – der leidenschaftliche Bücherwurm ist immer auf der Suche nach aufschlussreichen Sachbüchern und spannenden Romanen, um sie den Leserinnen und Lesern nahezubringen.
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